Ein Niederländer erobert Ostfriesland

Wieder folgte ein Anruf bei Frau Karas, schließlich hatten wir ihrem guten Gespür für Hunde und Menschen ja schon unsere Züli zu verdanken. Alter, Farbe, Geschlecht: alles egal, der neue Whippet muss einfach nur zu Züli passen, schließlich hat Madame bei uns zu Hause das Zepter in der Hand.
Einen knappen Monat später kam dann ein Anruf von WiN, ich könnte mir in den Niederlanden nahe der belgischen Grenze einen 2 Jahre alten Whippet-Rüden ansehen, wenn ich Interesse hätte. Allerdings sollte dieser Hund möglichst schnell dort abgeholt werden, da die Bedingungen der Haltung des Tieres wohl nicht gerade optimal wären. Spätestens nach Erhalt eines Fotos per e-mail hatten wir uns entschieden, schon am folgenden Wochenende unseren hoffentlich neuen Hund abzuholen. Die ganze Sache hing ja in erster Linie einmal von zwei Whippets ab, die ein „blind date“ haben würden. Züli sagten wir ganz einfach, dass der Trend ja eh zum jüngeren Mann ginge und sie mit diesem Herren an ihrer Seite absolut hipp wäre, zumal er ja auch noch verdammt gut aussehen würde. Also ging es los…
Bei den Vorbesitzern Raisas war ich mit Frau de Kort verabredet, die Übergabe des Hundes klappte auch reibungslos, aber was würde dann kommen? Züli und Raisa begegneten sich das erste Mal auf der Straße und es war Liebe auf den ersten Blick. Raisa wollte unbedingt mit in dieses Auto, in dem auch Züli saß und wollte auch auf der Rückfahrt auf gar keinen Fall von der Dame seines Herzens getrennt sein, was zur Folge hatte, dass er viereinhalb Stunden versuchte, von der Rückbank des Autos auf den Vordersitz zu klettern, schließlich lag das Objekt seiner Begierde im Fußraum des Beifahrersitzes. Züli nahm das alles ziemlich gelassen.
Raisa hat die ersten zwei Jahre seines nicht gerade sonnigen Whippet-Lebens in einem Abstellraum verbracht, in den noch nicht einmal Tageslicht kam. Seine Pfoten waren so weich wie die eines Welpen, er war auch wohl nicht aus diesem Abstellraum heraus gekommen. Und so benahm er sich auch, er war in keiner Weise sozialisiert, ihm fehlte einiges.
Endlich wieder zu Hause, hatten wir Hürde Nummer eins zu nehmen: die Treppe. Unsere Wohnung liegt im ersten Stock und Raisa hatte noch nie eine Treppe gesehen. Also habe ich ihn erst einmal getragen, wo wir dann bei Problem Nummer zwei waren: getragen werden. Raisa hatte Angst, als ich ihn auf den Arm nahm. Das war für ihn auch neu. Er guckte mich total verzweifelt und schockiert an, aber es nützte ja nichts, irgendwie galt es ja, die Treppe zu überwinden. Und dann war da ja auch noch Züli, die schon längst auf dem Sofa lag und ein Nickerchen hielt, schließlich sind lange Autofahrten extrem anstrengend. Sofas kannte Raisa auch nicht und endlich in der Wohnung angekommen, wusste er auch gar nicht, was er denn nun machen sollte. Derweil das ganze Rudel bereits irgendwo saß oder lag, rannte er total hektisch um den Wohnzimmertisch, bis er dann absolut wagemutig zu Züli auf`s Sofa sprang. Und so ist es auch geblieben, zwei Hunde, die abends total entspannt auf dem Sofa liegen und kuscheln.

Binnen einer Woche kam Raisa bei uns zur Ruhe, er konnte die Treppe rauf und runter steigen, es war für ihn schnell selbstverständlich geworden, überall dabei zu sein, auf dem Sofa zu liegen, mit Züli zu kuscheln, gestreichelt zu werden. Mit viel Geduld ist es uns auch gelungen, ihn davon zu überzeugen, dass es auf dem Arm gar nicht schlecht und gefährlich ist.
Irgendwie hat er auch begriffen, dass kleine Whippets nachts schlafen müssen und Kinder erst zum Frühstück geweckt werden. Er fasste Vertrauen, lernte auch allen vier Pfoten und nicht nur auf den Hinterpfoten an der Leine zu gehen. Er verlor sogar seine Angst vor Abstellräumen und Fahrradschuppen, wenn Mama da rein geht, kann Raisa das auch! Und wenn Mama ruft, dann kommt man auch zurück, auch wenn Züli das anders sieht. Man geht im Park spazieren, bellt andere Rüden an, schließlich ist man stark und groß, wenn inzwischen auch kastriert. Die Affaire zwischen meinen Hunden nahm doch recht heftige Formen an und zwei Whippets sollten dann doch wohl reichen.
Raisa genießt sein neues Leben in seinem neuen Rudel, er fühlt sich in der Familiengemeinschaft „pudelwohl“, teilt sein Leben mit seiner Whippet-Traumfrau, kann mittlerweile auch gut alleine bleiben, zumindest langweilt er sich nie. Denn er hat jede Menge Blödsinn im Kopf, kann Schränke aufmachen und hat immer was zu tun, sei es Betten testen oder Stofftiere verschleppen, es muss alles seine Ordnung haben hier.
Besonders nett war seine Aktion „Schneefall zum Kindergeburtstag“, als er fünf Pakete mit Muffin-Backmischungen aufgemacht hat, um den Inhalt geschickt durch die ganze Wohnung zu verteilen. Raisa selber sah aus wie ein Gesamtkunstwerk aus Schokoladenüberzug und Kirschmarmeladen-Füllung, die Wohnung wie eine Skilanglauf-Piste. Ob ich böse war? Ja, aber nicht lange. Schließlich war es ja eine gelungene Aktion unseres „Bekloppterix“.
Meinen Hunden, Kindern und mir wünsche ich ein langes und glückliches gemeinsames Leben, WiN weiterhin viel Erfolg bei der Vermittlung und allen anderen Menschen, die vielleicht anfangs Schwierigkeiten haben mit ihrem neuen Hund Geduld, Ausdauer und vor allen Dingen eine große Portion Humor, sollte es bei ihnen in der Wohnung auch einmal ganz unvermutet schneien.